Partnerschaft mit Nordafrika und dem Nahen Osten

Wie profitieren die MENA-Staaten von Desertec bzw. den Aktivitäten der Dii?

Die energiewirtschaftlichen Voraussetzungen der einzelnen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens unterscheiden sich sehr stark voneinander. Manche Länder verfügen über Einnahmen aus fossilen Brennstoffen. Andere Länder sind dagegen von Energieimporten abhängig. In der gesamten Region werden die Bevölkerung und damit auch der Bedarf an Energie in den kommenden Jahrzehnten stark wachsen. Die Desertec-Vision einer erneuerbaren Stromerzeugung in den Wüsten bietet den Ländern der Region eine ganze Reihe von Chancen für Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft:

  • Verbesserung der Versorgungssicherheit mit nachhaltigen Energien für die eigene Wirtschaft und Bevölkerung durch Stabilisierung der lokalen Energieversorgung
  • Option zum Export von sauberem Strom nach Europa und eventuell in andere Regionen
  • Aufbau lokaler Industrien, Schaffung von Arbeitsplätzen und Wissenstransfer
  • Verringerung der Abhängigkeit von volatilen Brennstoffpreisen und fossilen Energieträgern insgesamt
  • Entwicklung einer zukunftsfähigen, nachhaltigen und innovativen Energieinfrastruktur angesichts zu Ende gehender fossiler Ressourcen. Länder, die (noch) über große Einnahmen aus fossilen Brennstoffen verfügen, haben die Gelegenheit in nachhaltige Energieversorgung zu investieren.
  • Wachstum und ökonomische Impulse als Folge substantieller Investitionen
  • Weitere wirtschaftliche Diversifizierung
  • Reduzierung von CO2-Emissionen
  • Armutsbekämpfung - Steigerung des Wohlstands
  • Verbesserung der Zusammenarbeit der MENA-Staaten untereinander und mit Europa
  • Sicherung der politischen Stabilität

 

Bedeutet Desertec für Europa eine neue Energieabhängigkeit von politisch instabilen Staaten?

Ganz sicher nein. Wenn in der MENA-Region mit Wüstenstrom eine weitere Energiequelle erschlossen wird, diversifiziert sich die Energieversorgung und reduziert dadurch die bisherige Abhängigkeit von Gas und Erdöl. Die gesamte Region kann damit seine Energieversorgung langfristig sicherstellen. Gleiches gilt auch für Europa, das mit Wüstenstrom langfristig den Wegfall von Kernenergie und fossilen Brennstoffen kompensieren kann. Wüstenstrom kann langfristig die Versorgungsicherheit ebenso wie die Preisstabilität der Energieversorgung erhöhen. Wirtschaftliche Integration verringert zudem das Risiko von Konflikten. Zudem sind energieexportierende Staaten auf die Einnahmen angewiesen. Es liegt daher in ihrem eigenen Interesse, zuverlässige Lieferanten zu sein. Bis 2050 wird die Bevölkerung südlich des Mittelmeers stark anwachsen; sie könnte sogar die Bevölkerungszahl Europas übersteigen. Es ist daher von großer Bedeutung, dass die MENA-Länder an erster Stelle den schnell wachsenden Verbrauch mit erneuerbaren Quellen abdecken, was in vielen Ländern zur Stabilität beitragen wird. Auch für Europa ist es sinnvoll, einen neuen Weg in Richtung einer nachhaltigen Energie-Partnerschaft einzuschlagen.

 

Ist der Import von erneuerbaren Energien aus den Wüsten nach Europa überhaupt nötig? Würde das nicht inländische erneuerbare Energiequellen aus dem Markt drängen?

Europa hat langfristig nur begrenzte Möglichkeiten für nachhaltige Energieversorgung. Die großen Quellen sind Windanlagen vor den Küsten und auf dem Land, dezentrale Photovoltaikanlagen, Wasserkraft, Holz und Agrarreststoffe (eventuell importiert), Geothermie und evtl. noch Gas. In Deutschland soll der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien aber bis zum Jahr 2050 auf 80 Prozent steigen. Im Oktober 2009 billigte der Europäische Rat als langfristiges Ziel, den gemeinsamen CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2050 um 80 -95% zu senken. Das Ziel der Dii ist, den Weg dafür zu ebnen, dass Strom aus der Wüste maßgeblich zum gesamten europäischen Energie-Mix beiträgt.

Die Dii hat klare Vorstellung von der Energieversorgung: An erster Stelle gilt es, den Energieverbrauch zu senken (Energieeffizienz); an zweiter Stelle steht die dezentrale Erzeugung, wo sie sinnvoll eingesetzt werden kann; und schließlich die zentrale Erzeugung großer Mengen an erneuerbaren Energien dort, wo die Ressourcen (Sonne, Wind, Wasserkraft usw.) am besten sind.

 

Sind die Versorgungsleitungen nach Europa nicht terroranfällig?

Die Versorgungsleitungen sind als Einzelkomponenten ebenso wie bei Gasleitungen, Schienen oder Straßen anfällig für gezielte Terrorangriffe. Die Dii sieht langfristig einen zunehmenden Ausbau der Stromnetze in der MENA-Region und Europa: je größer die Vernetzung, desto weniger stellt der Ausfall einzelner Leitungen eine Gefahr für das Gesamtsystem dar.

 

Warum ist der Vorwurf „Neokolonialismus“ unberechtigt?

Dieser Vorwurf entbehrt der Grundlage. Im Gegenteil: Die Dii fungiert als Wegbereiter für Kooperationen mit den lokalen Regierungen. Dies soll Investitionen in erneuerbare Energien in große Wind- und Solaranlagen in der MENA-Region ermöglichen. Die Konditionen für die Zusammenarbeit bestimmten die Länder selbst. Generell erwartet die Dii, dass im Laufe der Zeit der größte Teil der Wertschöpfungskette in den Erzeugungsländern selbst etabliert, also eine Win-Win-Situation für die Industrien in der Region und Europa entstehen wird. Es geht um Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Schon bei der Gründung der Desertec-Vorläufer-Organisation TREC (Trans-Mediterranean-Energy-Cooperation) im Jahre 2003 waren 20 Persönlichkeiten aus den MENA-Ländern und 15 aus Deutschland und Europa beteiligt.

Das Netzwerk der Dii, obwohl am Anfang eher von deutschen Unternehmen geprägt, ist inzwischen sehr international. Die Dii legt großen Wert darauf, die Reihe der Gesellschafter und Assoziierten Partner vor allem aus den MENA-Staaten zu verstärken. Heute kommen Gesellschafter und Partner aus 15 Ländern.

 

Wie betrachtet die Dii die gegenwärtigen politischen Veränderungen in Nordafrika – eher als Chance oder eher als Risiko?

Die Pläne der Dii zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika in der Energieerzeugung und -versorgung werden eher die Chancen und Perspektiven der Bevölkerung erhöhen und die durch das Wohlstandsgefälle entstehenden Risiken mindern.
Europa hat schon die richtigen Signale gesetzt: Die von der EU geplante Energiegemeinschaft mit Nordafrika ist ein wichtiger Schritt und eine große Chance für die Region. Damit kann eine verlässliche Perspektive für die Integration in den EU-Energiebinnenmarkt entstehen.

 

Welche Auswirkungen haben die Regierungswechsel in Tunesien und Ägypten und der Bürgerkrieg in Libyen auf das Desertec-Projekt?

Gerade in den Ländern, in denen jetzt Demokratisierungsprozesse einsetzen, wächst die Bereitschaft der Bevölkerung und der Regierungen zum Aufbau von großen Wind- und Solaranlagen. Durch diesen Aufbau Erneuerbarer Energien im großen Stil entstehen Perspektiven für die jungen Bevölkerungen in Nordafrika und dem Nahen Osten. Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Wissenstransfer, den wir erwarten, entsteht durch die Nutzung von nachhaltigen Ressourcen zur Energiegewinnung auch Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit von fossilen Energien. In Tunesien hat die Dii gemeinsam mit der Regierung eine Machbarkeitsstudie begonnen, um die politischen, regulatorischen, ökonomischen und technischen Rahmenbedingungen für Wind- und Solarprojekte zu untersuchen. In Ägypten ist die Dii in intensiven Gesprächen über gemeinsame Projekte.

 

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